“Ich bin ein absoluter Befürworter von Rekonstruktionen”

Interview mit dem Vorsitzenden des Vereins der Altstadtfreunde, Karl-Heinz Enderle





 
 
 

Die einst abbruchreifen, mittelalterlichen Handwerkshäuser Kühnertsgasse 18-22 wurden von den Altstadtfreunden aufwendig hergerichtet. Bild unten: Karl-Heinz Enderle, seit 2010 Vorsitzender des Vereins der Altstadtfreunde.

Einzigartig in Deutschland: Mit 5500 Mitgliedern sind die Altstadtfreunde Nürnberg eine  einflussreiche Lobby. Der Verein kümmert sich nicht nur um den Erhalt des historischen Stadtbilds, Vereinsvorsitzender Karl-Heinz Enderle mischt sich auch bei kontroversen Diskussionen um die Altstadt-Architektur ein.

 

Ein Blick zurück: Anfang der 70-er Jahre waren die Altstadtfreunde ein Honoratioren-Treff mit 130 Mitgliedern ohne große Außenwirkung. Wie kam es zum beispiellosen Aufstieg des Vereins?

 

Karl-Heinz Enderle: Es war die charismatische Person unseres im Jahr 2005 verstorbenen Ehrenvorsitzenden Erich Mulzer, der die Altstadtfreunde über 30 Jahre geleitet hat. Er hatte die Zerstörung Nürnbergs im Krieg als Jugendlicher miterlebt. Der Untergang seiner geliebten Heimatstadt ist für ihn zu einem lebenslangen Trauma geworden. Aber er hat Schmerz und Enttäuschung positiv verarbeitet: Mulzer hat die beliebten, kostenlosen Altstadt-Spaziergänge initiiert und mit seinem breiten geschichtlichen Wissen viele Interessierte gewonnen. Er traf damals einfach den Nerv der Zeit.

 

Heute haben die Altstadtfreunde ein Nachwuchs-Problem: Der Verein spricht hauptsächlich Senioren an.

 

Enderle: Es ist richtig, unsere Klientel besteht überwiegend aus der älteren Generation. Viele Menschen entdecken erst in diesem Alter ihr Interesse für die Heimatstadt, die eigenen Wurzeln. Natürlich versuchen wir auch seit längerem, Jüngere zu gewinnen. Wir bieten spezielle Kinderführungen an, veranstalten Radführungen und sind mit dem Segway unterwegs. Aber es ist wahr: Die Altstadtfreunde müssen sich weiter verjüngen.

 

Ihr Verein profilierte sich immer wieder als Nothelfer für mittelalterliche Ruinen. Wie viele Fachwerkhäuser haben die Altstadtfreunde gerettet?

 

Enderle: Nach dem Fliegerangriff am 2.Januar 1945 war das mittelalterliche Nürnberg zu über 90 Prozent zerstört. Nur ein Bruchteil der Häuser blieb stehen. Heute gibt es noch rund 240 historische Gebäude, wir haben etwa zwei Dutzend – also zehn Prozent dieser Bausubstanz – gerettet. Für die umfassenden Sanierungen hat der Verein rund 30 Millionen Euro aufgewendet.

 

Eine üppige Summe. Haben Sie so viele großzügige Spender?

 

Enderle: Schön wäre es. Der mittlerweile verstorbene Industrielle Karl Diehl hat sich uns gegenüber oft sehr generös gezeigt. Auch seine Söhne sind uns noch verbunden. Ansonsten geben die Zuwendungen unserer Mitglieder uns eine feste Basis, pro Jahr können wir in etwa mit einer halben Million Euro rechnen. Uns schmerzt allerdings sehr, dass wir von Firmen kaum Unterstützung erhalten.

 

Das Geld hat der Verein in Vorzeigeobjekte wie die Weißgerbergasse 10, die Handwerkerhäuser in der Kühnertsgasse oder auch in die einst unbewohnbaren Behausungen in der Pfeifergasse gesteckt ...

 

Enderle: Gerade die letztgenannten Häuser im Jakobsviertel sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Altstadtfreunde hier Stadtreparatur betrieben haben. Das Rotlicht-Viertel, eine wirklich verkommene Gegend, wurde durch unsere Initiative wieder aufgewertet. Doch wir haben auch mit vielen kleineren Maßnahmen das Erscheinungsbild der Nürnberger Altstadt geprägt: Zerstörte Chörlein wurden nachgebaut, Fachwerk freigelegt, Kopien von Hausheiligen und Madonnen aufgestellt sowie Hauszeichen rekonstruiert.

 

Aktuelles Großprojekt ist der Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Pellerhofs, der europaweit als Prunkstück der Renaissance bekannt war. Doch für 3,5 Millionen Euro richten Sie nur den Innenhof und die Fassade des Hinterhauses her. Ist die Rekonstruktion  nicht ein Potemkinsches Dorf?

 

Enderle: Nein, es ist kein Potemkinsches Dorf und keine Disneyland-Architektur. Ich bin sicher, dass es in den nächsten Jahren weitere Rekonstruktionen geben wird. Ich bin ein absoluter Befürworter von Rekonstruktionen. Denn Menschen, die durch die Stadt laufen, sehen meist nur die Hausfassaden, nicht das Innere. Und Nürnberg muss sich weiter entwickeln. Der Römer in Frankfurt, der Domplatz in Mainz oder der Neumarkt in Dresden – das sind alles Rekonstruktionen,  und es gab bei jedem Vorhaben Bedenken oder ablehnende Äußerungen. Doch letztlich sind die Bürger begeistert, nur die Architekten stehen schmollend in der Ecke.

 

Man braucht sich aber nicht sklavisch an die Vergangenheit klammern, Nürnbergs Altstadt muss sich doch auch mit moderner Architektur weiter entwickeln.

 

Enderle: Das sehe ich ähnlich, nur: Das Neue muss auf das Alte eingehen, den vorhandenen historischen Bestand respektieren. Wo hat uns denn die moderne Architektur innerhalb der alten Stadtmauern weitergebracht? Beim Johannes-Scharrer-Gymnasium, den Universitätsbauten der WiSo,  der Dresdener Bank und dem Wirtschaftsrathaus sicher nicht.

 

Aber das Neue Museum hat doch einen einzigartigen Akzent gesetzt.

 

Enderle: Das Neue Museum ist sicher sehr gut gelungen. Das gilt mit Einschränkungen auch für den östlichen Abschluss der Sebalder Höfe. Aber die Ansicht, dass man mit neuer Architektur interessante Kontraste zum Alten setzen kann, halte ich für überholt. Es kann nicht sein, dass die Moderne den historischen Bauten in die Fresse haut, um es einmal drastisch zu sagen.

 

Die Altstadtfreunde werden oft als Verhinderer, als Bremsklotz der Moderne wahrgenommen – Stichwort: Volksentscheid Augustinerhof, Kritik am Neubau der Stadtbibliothek.

 

Enderle: Es stimmt, die Altstadtfreunde sind damals ganz entschieden gegen den Augustinerhof-Entwurf aufgetreten. Das trägt man uns teilweise heute noch nach. Doch viele unserer einstigen Kritiker sind heute froh, dass der überdimensionierte Entwurf nicht realisiert wurde. Der Maßstab stimmte einfach nicht. Auch bei der einzigartigen Nürnberger Dachlandschaft, die man am besten von der Burgfreiung aus bewundern kann, bleiben wir hart. Sie ist die Klammer für die historische Altstadt. Und übrigens: Es ist ja auch keineswegs so, dass die Kritik der Altstadtfreunde an modernen Entwürfen immer gehört wurde. Wir haben uns oft eine blutige Nase geholt.

 

Ein Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie die Altstadt in 20 Jahren?

 

Enderle: Die Gewichte werden sich in Richtung Rekonstruktion verschoben haben. Und ich glaube, dass auch am Hauptmarkt etwas passiert. Die nichtssagende Südseite mit dem toten Schmuckhof, in den sich niemand hinein verirrt, und die Westseite des Platzes müssen sich ändern.

 

Interview: Hartmut Voigt

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